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Mobilität der Zukunft made in Taiwan
Datum 2020-11-30

Städte mit überfüllten Straßen und abgehängte ländliche Gebiete – mit einem intelligenten Verkehrskonzept adressiert Taiwan beide Probleme gleichzeitig.

Um über die Zukunft der Mobilität zu sprechen, werden häufig vier Buchstaben herangezogen: CASE. Das Akronym steht für „Connected, Autonomous, Shared, Electric“, es geht also um die vier großen Trends Konnektivität, autonomes Fahren, Ride Sharing und Elektromobilität. Gemeinsam dürften diese den Mobilitätssektor in den kommenden Jahren prägen – und taiwanische Unternehmen und Behörden wollen bei dieser Entwicklung entscheidend mitwirken.

Mit seiner starken IT- und Hightech-Industrie bringt der Inselstaat schonmal die richtigen Voraussetzungen mit. Und in der Tat gehört „Smart Transportation“ zu den obersten Prioritäten der taiwanischen Behörden auf Bundes- und Lokalebene. Unternehmen, die in diesen zukünftigen Wachstumsbereich investieren, können auf ein gewisses Maß an staatlicher Unterstützung hoffen, und intelligente Verkehrsentwicklungsprojekte nehmen im ganzen Land Fahrt auf.

Initiativen wie sie beispielsweise vom Ministerium für Verkehr und Kommunikation (MOTC) 2017 ins Leben gerufen wurden, zeigen jedoch ein wichtiges Herausstellungsmerkmal von Taiwans Vision für die Mobilität der Zukunft: Während neue Mobilitätskonzepte oft ausschließlich im Kontext von Großstädten diskutiert werden, denkt Taiwan darüber nach, wie die fortschrittlichen CASE-Technologien die Mobilität für alle Bürger zugänglicher machen können – mit durchschlagendem Erfolg.

 

Ein vernetztes Verkehrs-Ökosystem

Das Ziel von Mobilität ist es, Menschen zusammenzubringen; sie über große Entfernungen hinweg zu verbinden – ein Anliegen, das auch viele digitale Technologien verfolgen. Es ist daher nur konsequent, dass MOTC auf fortschrittliche Informations- und Kommunikationstechnologien setzt, um die Kluft zwischen Stadt und Land zu überbrücken. Für die nächsten drei Jahre hat das Ministerium zugesagt, 145 Millionen US-Dollar in die "Entwicklung der Datenanalyse mit 5G, die Verbesserung der digitalen Infrastruktur und die Bereitstellung intelligenter mobiler Dienste in bestimmten Gebieten" zu investieren, sagt Premierminister Su Tseng-chang[1].

Die Einsatzmöglichkeiten eines solchen vernetzten Systems sind vielfältig. So erhoffen sich die Beamten beispielsweise, dass Echtzeitdaten genauere und aktuellere Verkehrsmeldungen ermöglichen – vor allem während der Ferienzeit, wenn der Reiseverkehr auf der ganzen Insel seinen Höhepunkt erreicht. Und schon jetzt experimentieren Städte wie Taipeh mit KI-optimierten Ampeln, die die Frequenz der Ampelschaltung an die aktuelle Verkehrssituation anpassen.

Dazu kommt die oft langwierige Parkplatzsuche in der Hauptstadt – ein Problem, dass das taiwanesische Unternehmen Acer ITS mit seinem Smart Parking Meter in Angriff nimmt. Die Säulen sind in der ganzen Stadt verteilt und bieten einen Echtzeit-Überblick über verfügbare Parkplätze. Sobald ein Platz belegt ist, scannt die intelligente Parkuhr das Nummernschild, stellt einen virtuellen Parkschein aus und wickelt die Bezahlung ab. Ein ähnliches System wird auch in Parkgaragen und auf öffentlichen Parkplätzen eingesetzt. Die von diesen Smart Parking Metern gesammelten Daten setzt wiederum die Stadtverwaltung ein, um kritische Stoßzeiten zu erkennen und den Bedarf an Parkplätzen besser zu decken. Die Lösung von Acer ITS erhielt 2020 den Taiwan Excellence Award, eine Auszeichnung, die die taiwanischen Handelsförderungsorganisation TAITRA an besonders innovative Produkte und Unternehmen vergibt.

 

Smart Parking Meter von ACER ITS erleichtern die Parkplatzsuche in der Stadt.

 

Ein solcher datenbasierter Ansatz für ein vollständig vernetztes Verkehrsökosystem könnte auch den öffentlichen Nahverkehr revolutionieren. Angedacht sind flexible Konzepte, die sich am tatsächlichen Bedarf orientieren: Passiert beispielweise ein Unfall, wird diese Information sofort an alle Busse, die die betreffende Straße auf ihrer Route bedienen, weitergeleitet. Das System berechnet automatisch eine optimale Alternativroute und informiert sowohl den Busfahrer als auch die auf den Bus wartenden Personen über die Änderung.

Durch die multimodale Integration verschiedener Verkehrsmittel soll außerdem eine App entstehen, mit der Nutzer ihre optimale Route unabhängig von einzelnen Anbietern planen können – sei es mit dem Zug, dem Bus, dem Fahrrad oder einer Kombination aller drei. Ein solches "Mobility as a Service"-System (MaaS) würde dazu beitragen, den öffentlichen Nahverkehr aufzuwerten und damit allen Bewohnern ein attraktives Verkehrsangebot zu bieten. Dies wiederum könnte den Straßenverkehr in überlasteten Gebieten reduzieren und so das Reiseerlebnis für alle Verkehrsteilnehmer verbessern.

Autonome Ansätze

Konnektivität und „Big Data“ sind auch die Grundlage für den zweiten großen Bereich der Mobilität der Zukunft: Das autonome Fahren. 2019 taten sich mehr als 20 taiwanesische Unternehmen mit dem Automobile Research Testing Center (ARTC) zusammen, um den vollständig autonomen WinBus zu entwickeln. Mit komfortabler Innenausstattung und einer Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h wird das Modell vor allem für kleinere Distanzen in räumlich begrenzten Gebieten eingesetzt, etwa auf Universitätsgeländen oder bei Touristenattraktionen.

Während der Fahrt erfassen die auf dem WinBus installierten leistungsstarken Kameras die Umgebung des Fahrzeugs und messen die Entfernung umliegender Objekte. Gleichzeitig errechnet ein integriertes GPS-System den genauen Standort des Busses. "Das Fahrzeug arbeitet mit präziser Berechnung", sagt Wen-Xien Hsu, der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des ARTC[2].

In einem nächsten Schritt soll der WinBus im realen Verkehr auf den Straßen des Changbin-Industrieparks eingesetzt werden – ein echter Test für die Fähigkeiten des Systems. ARTC-Präsident Jerry Wang erklärt: "Die hybride und komplexe Situation auf den Straßen Taiwans, mit ihrer Mischung aus Autos und Rollern, ist ideal, um autonome Fahrzeuge auf die Probe zu stellen."

 

Geteilte Freude ist doppelte Freude

Der dritte Aspekt, der in der Zukunft der Mobilität an Bedeutung gewinnen wird, ist die Idee der „Share Economy“. Wie überall auf der Welt verbringen auch in Taiwan Fahrzeuge in Privatbesitz den Gros der Zeit ungenutzt. Leihfahrräder und-roller sind in Taipeh und in anderen Städten deshalb schon heute ein alltäglicher Anblick. "Die Daten zeigen, dass es in Taipeh City über 1 Million Roller gibt. Aber mehr als die Hälfte der privaten Transportmittel werden weniger als 30 Minuten benutzt.", sagt Jeffrey Wu, CEO des Rollerverleihs WeMo[3]. Zusammen mit Anbietern wie Gogoro oder YouBike erweitert das Unternehmen für Einwohner und Besucher, die in Taiwan unterwegs sind, die Fortbewegungsmöglichkeiten.

Essenziell wird die Option des Ride Sharings für Menschen, die kein Fahrzeug besitzen oder keinen einfachen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln haben. Sich in den entlegeneren Gebieten Taiwans fortzubewegen, kann eine Herausforderung sein, besonders für Kinder oder ältere Menschen. Um hier Abhilfe zu schaffen, hat das MOTC eine Reihe von Pilotprojekten ins Leben gerufen, die mehr Menschen Zugang zu Mobilität verschaffen sollen.

So wurde m Dorf Luanshan ein Fahrgemeinschaftsdienst eingerichtet, um den fehlenden öffentlichen Nahverkehr zu kompensieren. Die Anwohner buchen eine Fahrt für eine bestimmte Zeit, und die Beamten stimmen diese mit ähnlichen Anfragen und verfügbaren Fahrern ab; in der Regel Menschen aus der Gemeinde. Sie registrieren sich als Fahrer, um ihren Mitbürgern zu helfen und sichern sich zugleich ein wenig zusätzlichen Einkommen. Ähnliche Ansätze wurden in Gemeinden im Landkreis Taitung verfolgt, die hauptsächlich von indigenen Gruppen bewohnt werden. Hier wird etwa ein Kleinbus für den Schultransport eingesetzt, oder um Patienten zu Arztterminen zu bringen. Das Programm war so erfolgreich, dass MOTC den Dienst in Zukunft auf andere Gebiete ausweiten möchte.

 

Die elektrische Revolution

In Deutschland wird aktuell vor allem das „E“ in CASE diskutiert. Elektromobilität ist weltweit auf dem Vormarsch, und auch die Taiwaner wissen um die Vorzüge der Elektrifizierung. Elektroroller sind seit Jahren auf den Straßen der Insel unterwegs, und viele Anbieter öffentlicher Verkehrsmittel steigen zunehmend auf Elektrofahrzeuge um – der oben erwähnte WinBus ist nur ein Beispiel dafür.

Mit der Zahl der Elektrofahrzeuge steigt auch die Dringlichkeit, eine adäquate Infrastruktur bereitzustellen. Eine Reihe taiwanischer Unternehmen arbeiten bereits daran. Gogoro etwa, der bekannteste Anbieter von E-Scootern im Land. Kürzlich stellte das Unternehmen in sechs Städten riesige Batteriewechselstationen, die "Super GoStations", vor. Eine solche Station kann bis zu 200 kWh Energie speichern. Genug für bis zu 1.000 Fahrer, schätzt Gogoro[4]. Damit rüstet das Unternehmen eine schon jetzt beeindruckende Ladeinfrastruktur weiter auf – in Taipeh etwa ist ein Fahrer nie weiter als 1 km von der nächsten GoStation entfernt.

Dass die Zukunft der E-Mobilität gehört, glaubt auch Calvin Lu, VP of Sales bei Noodoe EV: "Wir glauben, dass innerhalb eines Jahrzehnts fast jede Stadt auf Elektromobilität umsteigen wird". Das Unternehmen bietet Ladestationen an, die mit einem leistungsstarken, mit dem Taiwan Excellence Award ausgezeichneten Betriebssystem ausgestattet sind. Noodoe EV OS fasst mehrere Ladestationen zu einem einzigen Servicenetzwerk zusammen und fungiert als das "Gehirn" der gesamten Infrastruktur. Von Preisanpassungen zu Spitzenzeiten über die Zahlungsabwicklung bis hin zu Infrastrukturanalysen und intelligentem Energiemanagement automatisiert das System alle Prozesse, die mit der Steuerung und dem Betrieb der Ladestationen verbunden sind.

 

Mobilität der Zukunft ganzheitlich gedacht

Konnektivität, autonomes Fahren, Ride Sharing und E-Mobilität – ein umfassendes und zukunftsfähiges Mobilitätskonzept muss all diese Elemente in sich vereinen. "Es reicht nicht aus, ein Auto mit Verbrennungsmotor durch ein Elektroauto zu ersetzen", sagt Wang Mu-Han, Betreuer und Generaldirektor des Büros für Wissenschafts- und Technologieberatung des MOTC[5]. "Technologien für vernetzte Fahrzeuge erhöhen die Sicherheit, während Sharing-Angebote es der Öffentlichkeit erleichtern, Fahrzeug zu mieten statt zu kaufen. Das wirkt sich positiv auf die Verkehrsauslastung aus." Mit seinen innovativen Unternehmen und umfassendem Technologie-Know-how könnte Taiwan dabei zum Vorreiter werden.

 

[1] https://taiwantoday.tw/news.php?unit=2,6,10,15,18&post=181042

[2] https://english.cw.com.tw/article/article.action?id=2785

[3] https://english.cw.com.tw/article/article.action?id=2785

[4] https://electrek.co/2019/09/23/check-out-gogoros-giant-new-battery-swap-stations-for-its-electric-scooters/

[5] https://english.cw.com.tw/article/article.action?id=2784

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